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Leitung seit 2018:
Univ.-Prof. Georg Giebeler
Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen
Lehrstuhl Bauen mit Bestand und Baukonstruktion
Pauluskirchstr. 7, 42285 Wuppertal
E-Mail : giebeler{at}uni-wuppertal.de

 

Vertretungsprofessuren des Lehrgebiets:
Stellv. Prof. Viola Jäck bis 2018
Stellv. Prof. Mathias Rottmann, bis 2014
Stellv. Prof. Annette Paul, bis 2012
Stellv. Prof. Jörg Leeser, bis 2009

Bauen mit Bestand und Baukonstruktion

Georg Giebeler, Aufstockung Köln, 2003. © Georg Giebeler (links), Paul Ott (rechts)

Das Planen und Bauen mit Bestandsgebäuden fordert neben baukonstruktiven Lösungen in hohem Maße die entwerferischen Fähigkeiten des Architekten. Gebäudesanierungen verlangen zunächst Anpassungen an aktuelle Standards – geänderte Nutzeransprüche wie auch neue technische Vorschriften. Dies erfordert Kennt­nisse über aktuelle Bautechniken ebenso wie über historische Bauweisen. Aufbauend auf dem Verstehen und Bewerten historischer Konstruktionen ist diese Aufgabe technisch lös­bar, die gestalterische Komponente scheint jedoch oft eine untergeordnete Rolle zu spielen. Vordergründig ist ein we­sentlicher Teil der Gestaltung bereits vollbracht: Das Volumen ist weitgehend festgelegt, die Struktur des Gebäudes wird durch die Trag­glieder vorgegeben und selbst das Erschei­nungsbild scheint – insbesondere bei Massiv­bauten – bereits fixiert zu sein. Dabei liegt die planerische Aufgabe nicht darin, nur eine Lösung für den mangelnden Wärme- oder Schall­schutz zu erarbeiten, sondern es bedarf vielmehr einer eindeutigen Entwurfshaltung für das Weiterbauen.

Dafür ist es erforderlich, weiterbauen nicht als Bauen im Bestand zu begreifen – eine Haltung, die das Neue im Vorhandenen positioniert und eine Gegensätzlichkeit erzeugt. Allzu oft führt ein derartiger Umgang mit Bestandsbauten zu einem selbstreferentiellen Nebeneinander von Bestand und Neubau, getrennt durch die obligatorische Glasfuge. Stattdessen ist es hilfreich, Weiterbauen als Bauen mit Bestand zu verstehen – also das Zusammenführen des Vorhandenen mit dem Neuen zu einem ganzheitlichen Neuen. Es soll eine Einheit geschaffen werden. Damit übersetzt Bauen mit Bestand eine bis ins 19. Jahrhundert übliche Technik des Bauens in eine Planungsmethode. Vor dem Einsatz schwerer Maschinen haben Architekten, Bauherren und Handwerker stets versucht, Materialien aus dem Vorhandenen zu nutzen. Stand beispielsweise eine Wand einer alten Scheune an einer ungefähr passenden Stelle plante man den Neubau des Wohngebäudes so, dass diese – aber eben nur diese eine Wand – stehen bleiben konnte. Dies sparte Mühen und Material, also Zeit und Kosten. Diese Art der Weiterverwertung verschwand einerseits mit den neuen Möglichkeiten der Abbruchtechniken, andererseits aber auch mit den Anforderungen aus Normen und Rechtssprechungen zu Haftungsfragen. Dabei ist eine Verwertung der bestehenden Bausubstanz nicht nur ökonomisch und ökologisch sinnvoll, sondern kann auch als Entwurfsmethode dienen.

Weiterbauen oder Bauen mit dem Bestand bedeutet, den Bestand anzuerkennen und sich in ihn hineinzudenken, die grundlegende Entwurfsidee und Struktur zu erkennen und zu bewerten. Bauen mit Bestand erfordert eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem ursprünglichen Konzept, das heißt eine Auseinandersetzung mit allen Gegebenheiten der Entstehungsepoche – also auch der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Historie. Ohne diese Randbedingungen gab es keine Baukonstruktion. Und diese Konstruktionen bestimmen die anstehende Sanierung ebenso stark wie heutige Nutzerwünsche, Baukosten und das architektonische Konzept. Bauen mit Bestand erfordert ein möglichst breites, aber auch vertieftes Wissen über die sozialen Umstände und technischen Möglichkeiten und Vorlieben der jeweiligen Epoche. Solches Wissen erlangt man am Besten mit der Lektüre historischer Bücher – den jeweiligen Standardwerken zur Baukonstruktion. Eine Übersicht zu den wesentlichen Epochen der letzten 150 Jahre einschließlich ihrer baukonstruktiven Vorlieben findet sich auch im Atlas Sanierung (Giebeler et al., 2008).

Erst nach intensiver Studie des Vorhandenen und seiner Vorgeschichte kann eine eigene Entwurfshaltung entwickelt werden. Diese reagiert auf den Bestand reagiert ist dabei aber immer auf die Gegenwart bezogen: heutige politische und soziale Umstände, heutige Kosten, heutige Konstruktionen. Also ist es nicht verwerflich, sondern schlüssig, sie auch nach heutigen Maßstäben zu gestalten, nicht jedoch um zwanghaft einen Kontrast herzustellen oder das Neue ablesbar zu machen. Warum sollte etwas separiert werden, was doch ein Ganzes, eben ein Gebäude sein will. Im Weiterbauen taugt die Ausschließlichkeit von Kontrast oder Anpassung nicht als Entwurfsansatz. Die neue Planung bezieht die Idee des Bestandes in das gemeinsame Ganze mit ein. Es ist die bauliche Umsetzung alter als auch neuer Ideen mit ausschließlich neuen Techniken. Mit Wissen um die historischen Gegebenheiten und unter Anerkennung der Entwurfsidee des historischen Architekten kann das Vorhandene mit einem neuen Konzept verknüpft und in eine neue Epoche übersetzt werden.

zuletzt bearbeitet am: 16.06.2019